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NAD+ Supplement: Wirkung, Evidenz & was Du wirklich brauchst

NAD+ ist überall. In Longevity-Foren, in den Empfehlungen von Tech-CEOs und in den Regalen von Supplement-Anbietern wird es als Schlüsselmolekül für Energie, Zellreparatur und ein längeres…

Von Niko Hems, M.Sc.Veröffentlicht am 15. Juni 2026Aktualisiert am 16. Juni 202616 Min. Lesezeit
Medizinisch geprüft von Doctor-medic Alexandru ArdeleanFacharzt für Innere Medizin
YEARS labor, jemand hält eine röhrchen mit blut

NAD+ ist überall. Was ist wissenschaftlich belegt, was ist Marketing-Hype?

NAD+ ist überall. In Longevity-Foren, in den Empfehlungen von Tech-CEOs und in den Regalen von Supplement-Anbietern wird es als Schlüsselmolekül für Energie, Zellreparatur und ein längeres, gesünderes Leben gehandelt. Die Versprechen sind groß: verlangsamte Alterung, schärferer Geist, besserer Stoffwechsel. Was davon ist wissenschaftlich belegt, was ist Marketing-Hype?

Viele Menschen greifen zu einem NAD+ Supplement wie NMN oder NR in der Hoffnung auf einen schnellen Effekt, ohne ihre Ausgangslage zu kennen. Sie investieren in ein Molekül, dessen Einnahme zwar bestimmte NAD+-bezogene Marker erhöhen kann, dessen klinischer Nutzen für harte Gesundheitsendpunkte aber bisher nicht belegt ist.

Dieser Artikel liefert eine klinisch fundierte Einordnung. Wir analysieren die Humanstudien, erklären die Unterschiede zwischen den verfügbaren Präparaten und zeigen Dir, warum eine umfassende Diagnostik der erste und wichtigste Schritt sein sollte, lange bevor Du die erste Kapsel nimmst. Echte Prävention beginnt mit Daten.

Was ist NAD+ und warum ist es in der Alterungsforschung relevant?

Nicotinamid-Adenin-Dinukleotid, kurz NAD+, ist eines der zentralen Moleküle im menschlichen Körper. Zellen brauchen es für grundlegende Stoffwechselprozesse. Als Coenzym unterstützt es zahlreiche enzymatische Reaktionen, insbesondere im Energiestoffwechsel. Ohne NAD+ kann die Energieproduktion in den Mitochondrien nicht normal ablaufen.

Zwei seiner Hauptaufgaben sind für die Alterungsbiologie besonders relevant:

Energieproduktion

NAD+ steht im Zentrum der Umwandlung von Nahrung in zelluläre Energie (ATP) in den Mitochondrien. Ein gestörter NAD+-Stoffwechsel kann theoretisch zu einer reduzierten Energieverfügbarkeit auf zellulärer Ebene beitragen. Beim Menschen ist aber nicht ausreichend geklärt, ab welchem NAD+-Level daraus messbare klinische Probleme entstehen.

Zellstress, DNA-Reparatur und Alterungsbiologie

NAD+ ist wichtig für mehrere Enzymklassen, die an DNA-Reparatur, Stoffwechselregulation und zellulärer Stressantwort beteiligt sind:

Sirtuine: Diese Proteine regulieren zelluläre Prozesse wie DNA-Reparatur, Entzündungsreaktionen und Stoffwechsel. Um aktiv zu sein, verbrauchen sie NAD+.

PARPs (Poly-ADP-Ribose-Polymerasen): Diese Enzyme sind an der Reparatur von DNA-Schäden beteiligt. Auch dieser Prozess verbraucht NAD+.

Das Problem: Präklinische Studien zeigen recht konsistent, dass NAD+-Spiegel mit dem Alter in verschiedenen Geweben abnehmen können. Beim Menschen ist die Datenlage jedoch deutlich weniger klar. Es gibt Hinweise auf altersbezogene Unterschiede in bestimmten Zell- und Gewebetypen, aber das genaue Ausmaß variiert stark je nach Gewebe, Messmethode, Gesundheitszustand und Studiendesign (Covarrubias et al., 2021; Vinten et al., 2025).

Dieser mögliche Abfall hat mehrere diskutierte Ursachen. Die Zellen produzieren mit der Zeit möglicherweise weniger NAD+, während gleichzeitig der Verbrauch steigen kann, etwa durch DNA-Schäden, Entzündungsprozesse oder Aktivierung NAD+-verbrauchender Enzyme. Wichtig ist aber: Aus diesen Mechanismen folgt nicht automatisch, dass eine Supplementierung beim Menschen klinisch relevante Vorteile bringt.

Ein niedriger NAD+-Status wird in präklinischen Modellen und einigen Humanbeobachtungen mit altersassoziierten Funktionsverlusten in Verbindung gebracht, darunter veränderte mitochondriale Funktion, Stoffwechselstörungen und reduzierte zelluläre Stressresistenz. Das sind überwiegend mechanistische und assoziative Zusammenhänge. Ob eine gezielte Erhöhung von NAD+ beim Menschen harte Endpunkte wie Morbidität, Mortalität, kognitive Leistung, Herz-Kreislauf-Ereignisse oder gesunde Lebensjahre verbessert, ist bisher nicht belegt.

NMN vs. NR: Welches Supplement ist besser belegt?

Wer nach einem NAD+ Supplement sucht, stößt unweigerlich auf zwei Abkürzungen: NMN und NR. Beides sind Vorstufen (Prekursoren) von NAD+, die der Körper nutzen kann, um NAD+-bezogene Stoffwechselwege zu beeinflussen. NAD+ direkt oral zu supplementieren ist deutlich schlechter untersucht als NR oder NMN; ob dadurch beim Menschen zuverlässig relevante NAD+-Spiegel in Zielgeweben erhöht werden, ist nicht ausreichend belegt.

NR (Nicotinamid-Ribosid)

Eine Form von Vitamin B3. Zellen nehmen NR auf und wandeln es über mehrere Schritte in NAD+ um. Es gehört zu den besser untersuchten NAD+-Vorstufen beim Menschen. Das bedeutet aber nicht, dass ein klinischer Nutzen bereits robust belegt ist.

NMN (Nicotinamid-Mononukleotid)

Der direkte Vorläufer von NAD+ im zellulären Syntheseweg. Lange war unklar, ob NMN direkt in die Zellen gelangen kann oder ob es außerhalb der Zelle erst in NR umgewandelt werden muss. Präklinische Forschung deutet auf die Existenz eines möglichen spezifischen NMN-Transporters hin, aber der genaue Aufnahmeweg und seine Relevanz beim Menschen werden weiterhin diskutiert (Grozio et al., 2019).

Die wissenschaftliche Debatte ist intensiv und wird häufig von kommerziellen Interessen begleitet. Aus klinischer Sicht zählt eine Frage: Für welche Substanz gibt es robuste Humanstudien mit patientenrelevanten Ergebnissen?

Nicotinamid-Ribosid (NR) hat derzeit einen leichten Vorsprung bei Anzahl und Qualität der veröffentlichten Studien am Menschen. Es wurde in mehreren randomisierten, placebo-kontrollierten Studien auf Marker des NAD+-Stoffwechsels, Verträglichkeit und einzelne funktionelle Endpunkte geprüft. NMN holt jedoch auf. In den letzten Jahren wurden zunehmend Humanstudien publiziert, einige mit Signalen auf Insulinsensitivität, Gehstrecke oder Muskelfunktion. Diese Studien sind aber meist klein, kurz und heterogen.

Ein Punkt zur Dosierung: Humanstudien verwenden je nach Substanz, Zielgruppe und Studiendesign sehr unterschiedliche Dosierungen, häufig zwischen 250 und 1000 mg NR oder NMN täglich, teilweise auch darüber. Viele kommerziell erhältliche Produkte enthalten deutlich weniger, oft nur 150 bis 300 mg pro Kapsel. Ob solche Mengen die in Studien gemessenen Veränderungen erreichen, ist nicht sicher. Wer ein Produkt wählt, sollte prüfen, ob die Dosierung dem entspricht, was in der wissenschaftlichen Literatur tatsächlich untersucht wurde. Gleichzeitig gilt: Studiendosierungen sind nicht automatisch gleichbedeutend mit einer allgemeinen Empfehlung für Nahrungsergänzungsmittel.

Beide Vorstufen können in bestimmten Humanstudien NAD+-bezogene Metabolite oder Blutmarker erhöhen. Das ist aber noch kein Beleg dafür, dass dadurch relevante Zielgewebe ausreichend erreicht werden oder dass daraus langfristige klinische Vorteile entstehen. Welche Substanz letztlich überlegene klinische Effekte hat, ist nicht abschließend geklärt.

Was Humanstudien zu NAD+-Supplementen wirklich zeigen

Die entscheidende Frage ist nicht, ob ein NAD+ Supplement Blutwerte oder NAD+-bezogene Metabolite verändert, sondern ob dies zu relevanten gesundheitlichen Vorteilen führt. Genau hier ist die Evidenz bisher schwach. Die Ergebnisse aus Humanstudien sind interessant, aber heterogen und überwiegend auf Surrogatmarker beschränkt. Hier ist eine nüchterne Bestandsaufnahme der aktuellen Evidenz.

Kardiovaskuläre Gesundheit

Einige der bekannteren Daten gibt es zur Herz-Kreislauf-Gesundheit. Eine kleine Pilotstudie an gesunden, mittelalten und älteren Erwachsenen zeigte, dass die Einnahme von 1000 mg NR täglich über sechs Wochen gut verträglich war und NAD+-bezogene Marker erhöhte. Zusätzlich gab es Hinweise darauf, dass der systolische Blutdruck bei Personen mit leicht erhöhtem Ausgangswert sinken könnte. Zudem wurde eine Reduktion der arteriellen Steifigkeit beobachtet, einem Marker für kardiovaskuläres Risiko (Martens et al., 2018). Das sind klinisch interessante Signale, aber keine Belege für weniger Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Todesfälle. Die Studie war klein, kurz und hypothesengenerierend.

Insulinsensitivität und Stoffwechsel

Hier sind die Ergebnisse gemischt. Eine bekannte Studie untersuchte die Wirkung von NMN bei übergewichtigen, postmenopausalen Frauen mit Prädiabetes. Die Teilnehmerinnen erhielten zehn Wochen lang täglich 250 mg NMN. Die Insulinsensitivität der Skelettmuskulatur verbesserte sich signifikant (Yoshino et al., 2021). Diese Ergebnisse beziehen sich jedoch auf eine sehr spezifische Studienpopulation und lassen sich nicht automatisch auf Männer, jüngere Personen oder metabolisch gesunde Menschen übertragen.

Andere Studien, etwa mit NR bei adipösen, insulinresistenten Männern, fanden hingegen keine signifikanten Effekte auf die Insulinsensitivität oder andere Stoffwechselmarker (Dollerup et al., 2018). Das deutet darauf hin, dass mögliche Effekte stark von Zielgruppe, Ausgangsstatus, Einnahmedauer, Messmethode und spezifischem Präparat abhängen könnten.

Muskelkraft und Ausdauer

Eine japanische Studie zeigte, dass ältere Männer, die über 6 oder 12 Wochen NMN erhielten, Veränderungen in bestimmten Muskel- und Leistungsparametern aufwiesen, darunter nominal signifikante Verbesserungen bei Gehgeschwindigkeit und linker Griffkraft (Igarashi et al., 2022). Andere Untersuchungen fanden nur gemischte oder keine klaren Effekte. Eine Studie mit NR bei adipösen, insulinresistenten Männern fand keine Verbesserung der mitochondrialen Atmung, des mitochondrialen Gehalts oder der Muskelmorphologie gegenüber Placebo (Dollerup et al., 2020).

Auch hier gilt: Einzelne positive Signale bedeuten nicht, dass NAD+-Vorstufen allgemein Muskelkraft, Ausdauer oder Fitness verbessern. Dafür sind die Daten bisher zu uneinheitlich.

Grenzen der aktuellen Forschung

Die bisherigen Signale müssen im Kontext klarer Limitationen bewertet werden:

Fehlende Langzeitstudien

Die meisten Studien dauern nur wenige Wochen bis Monate. Ob eine Einnahme über Jahre sicher ist und nachhaltige Vorteile bringt, bleibt offen.

Kleine Teilnehmerzahlen

Viele Studien umfassen nur kleine bis moderate Teilnehmerzahlen. Allgemeingültige Aussagen sind deshalb schwierig.

Keine Daten zu harten Endpunkten

Bisher gibt es keine Studien, die belegen, dass NAD+-Supplemente Herzinfarkte, Schlaganfälle, Demenz, Krebs, Pflegebedürftigkeit oder Todesfälle verhindern. Die Forschung konzentriert sich überwiegend auf Surrogatmarker wie Blutdruck, Insulinsensitivität, Gehstrecke, subjektive Gesundheitsfragebögen oder NAD+-bezogene Metabolite.

Unklare Bedeutung von Blut-NAD+

Ein besonders wichtiger Punkt: Selbst wenn ein Supplement NAD+-Marker im Blut erhöht, wissen wir nicht automatisch, ob das für relevante Zielgewebe wie Muskel, Gehirn, Gefäße oder Leber gilt. Auch ist nicht geklärt, welcher NAD+-Wert beim Menschen optimal wäre. Es gibt keine etablierte klinische Schwelle, ab der man sagen könnte: dieser Mensch braucht NAD+-Supplementierung.

Mechanistische Plausibilität ist keine klinische Wirksamkeit

NAD+ ist biologisch wichtig. Das reicht aber nicht als Beleg für eine Supplement-Empfehlung. Viele Interventionen sehen auf molekularer Ebene plausibel aus und scheitern später an klinischen Endpunkten. Genau deshalb muss man NAD+-Vorstufen aktuell als interessantes, aber noch nicht abschließend bewertetes Forschungsfeld einordnen.

Die Evidenz entwickelt sich weiter. Größere, längere und robustere Studien werden gebraucht, um den Stellenwert von NAD+-Supplementen in der Präventionsmedizin zu klären. Wer Longevity-Strategien jenseits von Biohacking-Marketing verfolgt, sollte diesen Vorbehalt kennen.

Wann ist eine NAD+-Supplementierung sinnvoll und wann nicht?

Auf Basis der aktuellen Datenlage ist die Einnahme eines NAD+ Supplements keine allgemeine Empfehlung für jeden. Es handelt sich um eine experimentelle Intervention, die in bestimmten Konstellationen plausibler erscheint als in anderen, aber bisher nicht durch harte klinische Endpunkte abgesichert ist.

Bei wem könnte eine Supplementierung theoretisch eher relevant sein?

Die bisherige Forschung deutet auf folgende Gruppen hin, ohne daraus eine klare Empfehlung abzuleiten:

Personen ab ca. 45 bis 50 Jahren

Da NAD+-Spiegel in bestimmten Geweben und Zelltypen mit zunehmendem Alter abnehmen können, ist es biologisch plausibel, dass eine Supplementierung in dieser Altersgruppe eher relevant sein könnte als bei jungen, gesunden Menschen. Wie stark dieser Effekt individuell ist, lässt sich ohne standardisierte Messung und klinischen Kontext jedoch nicht sicher sagen. Zudem ist nicht belegt, dass eine Erhöhung von NAD+-Markern in dieser Gruppe harte Gesundheitsendpunkte verbessert.

Menschen mit metabolischen Herausforderungen

Personen mit Übergewicht, Prädiabetes oder beginnender Insulinresistenz könnten potenziell eher zu den Gruppen gehören, in denen Effekte auf die Insulinsensitivität untersucht werden sollten. Die NMN-Studie bei postmenopausalen Frauen mit Prädiabetes liefert dafür ein Signal. Für andere Gruppen ist die Übertragbarkeit offen.

Personen mit leicht erhöhtem Blutdruck oder arterieller Steifigkeit

Für sie könnten die Hinweise aus der NR-Pilotstudie relevant sein. Auch hier gilt: Die Daten sind interessant, aber zu schwach für eine breite klinische Empfehlung. Blutdruck, arterielle Steifigkeit und kardiovaskuläres Risiko sollten primär nach etablierten Standards eingeordnet und behandelt werden.

Wann ist eine Supplementierung wahrscheinlich nicht sinnvoll?

Junge, gesunde und aktive Menschen unter 35 Jahren haben bisher keine gute Evidenzbasis für einen relevanten Nutzen durch NAD+-Vorstufen. Eine Supplementierung bringt hier vermutlich keinen nennenswerten Vorteil, zumindest lässt sich dieser aus der aktuellen Humanlage nicht ableiten.

Auch bei Menschen, die hoffen, Müdigkeit, Brain Fog, schlechte Regeneration oder unspezifische Beschwerden allein durch NAD+ zu lösen, ist Vorsicht geboten. Diese Symptome haben viele mögliche Ursachen. Ohne Diagnostik ist NAD+-Supplementierung in solchen Fällen eher Raten als Prävention.

Sicherheitsaspekte und Wechselwirkungen

NMN und NR gelten in den untersuchten Dosierungen in Kurzzeitstudien als überwiegend sicher und verträglich. Gelegentlich wird von leichten Nebenwirkungen wie Übelkeit, Magen-Darm-Beschwerden oder Kopfschmerzen berichtet.

Was fehlt, sind Langzeitdaten. In der Forschung wird diskutiert, ob eine dauerhaft hohe NAD+-Verfügbarkeit theoretisch das Wachstum bestehender, aber unentdeckter Tumore begünstigen könnte, da Krebszellen ebenfalls einen hohen Energie- und NAD+-Bedarf haben. Aus Humanstudien gibt es bisher keine Belege für diese Sorge. Gleichzeitig reicht die aktuelle Datenlage nicht aus, um langfristige onkologische Sicherheit sicher zu beurteilen. Personen mit aktiver Krebserkrankung, onkologischer Vorgeschichte oder hoher familiärer Krebsbelastung sollten eine Supplementierung nur nach ärztlicher Rücksprache erwägen.

Ohne Baseline-Daten ist Supplementierung nur Raten

Der wichtigste Punkt: Ohne individuelle Gesundheitsdaten bleibt die Entscheidung für oder gegen ein NAD+ Supplement eine Vermutung.

Hast Du eine Insulinresistenz?

Kennst Du Deinen Blutdruck und Deine arteriellen Steifigkeitswerte?

Wie hoch sind Deine Entzündungsmarker im Blut?

Gibt es Hinweise auf Leber-, Nieren- oder Stoffwechselprobleme?

Ohne diese Informationen weißt Du nicht, ob Du überhaupt zu einer Gruppe gehörst, bei der NAD+-Vorstufen theoretisch sinnvoller erscheinen könnten. Vielleicht ist Dein metabolisches Profil völlig unauffällig. Vielleicht hast Du eine ausgeprägte Insulinresistenz, die primär mit Ernährung, Bewegung, Schlaf, Gewichtsmanagement oder medizinischer Therapie adressiert werden sollte, bevor Du an Supplemente denkst.

Wichtig ist auch: Selbst eine NAD+-Messung wäre derzeit keine einfache Lösung. NAD+ kann in verschiedenen Kompartimenten unterschiedlich gemessen werden, etwa im Vollblut, Plasma, Serum, PBMCs oder Gewebe. Diese Werte sind nicht austauschbar. Außerdem gibt es bisher keinen etablierten klinischen Zielwert, der eindeutig zeigt, wer supplementieren sollte und wer nicht.

Diagnostik kommt vor Intervention. Dieser Grundsatz unterscheidet klinische Präventionsmedizin vom unregulierten Kontext, in dem NAD-Infusionen oft beworben werden, etwa im NAD-Detox-Umfeld.

Welche Biomarker solltest Du messen, bevor Du NAD+ nimmst?

Bevor Du Geld in ein NAD+ Supplement investierst, lohnt sich die Investition in konkretes Wissen über Deinen Körper. Ein Standard-Blutbild reicht hierfür nicht aus. Du brauchst eine umfassende Baseline, die zeigt, wo Deine potenziellen Schwachstellen liegen.

Diese Biomarker beweisen nicht, dass Du NAD+ brauchst. Sie helfen aber, Deinen metabolischen und kardiovaskulären Ausgangszustand einzuordnen und wichtigere Baustellen zu erkennen.

Stoffwechsel-Panel

HOMA-IR

Ein praktikabler Surrogatmarker zur Abschätzung einer Insulinresistenz, lange bevor der Nüchternblutzucker ansteigt. Der Goldstandard zur Messung der Insulinsensitivität wäre der hyperinsulinämisch-euglykämische Clamp, der im klinischen Alltag jedoch selten eingesetzt wird. Da einzelne NMN-Studien Effekte auf Insulinsensitivität untersucht haben, ist dieser Wert sinnvoll. Ein erhöhter HOMA-IR bedeutet aber nicht automatisch, dass NAD+-Supplementierung die richtige Intervention ist.

Nüchternblutzucker und HbA1c

Geben Aufschluss über die langfristige Blutzuckerkontrolle.

Lipidprofil inkl. ApoB

ApoB ist ein präziserer Marker für das atherosklerotische Risiko als das Standard-LDL-Cholesterin allein.

Entzündungsmarker

Hochsensitives C-reaktives Protein (hs-CRP)

Chronische, niedriggradige Entzündungen können Alterungsprozesse begleiten und mit dem NAD+-Stoffwechsel zusammenhängen. Ein erhöhter hs-CRP-Wert kann ein Hinweis darauf sein, dass zuerst Entzündungstreiber, Lebensstilfaktoren oder metabolische Ursachen eingeordnet werden sollten. Ob ein erhöhter hs-CRP-Wert eine NAD+-Supplementierung sinnvoller macht, ist klinisch nicht belegt.

Herz-Kreislauf-Marker

NT-proBNP

Ein sensibler Marker für die Belastung des Herzmuskels. Je nach Alter, Symptomen und Risikoprofil kann dieser Wert eine sinnvolle Ergänzung der kardiovaskulären Diagnostik sein.

Blutdruck und arterielle Steifigkeit

Da NR in einer kleinen Pilotstudie positive Signale bei Blutdruck und arterieller Steifigkeit gezeigt hat, sind Ausgangswerte besonders relevant, wenn eine Supplementierung aus kardiovaskulärer Perspektive erwogen wird. Diese Werte ersetzen aber keine etablierte kardiovaskuläre Risikostratifizierung.

Leber- und Nierenwerte

Jedes Supplement wird über Stoffwechsel- und Ausscheidungswege verarbeitet. Eine einwandfreie Funktion von Leber und Nieren sollte vor einer regelmäßigen Einnahme sichergestellt sein.

Diese Marker geben ein detailliertes Bild des metabolischen und kardiovaskulären Gesundheitszustands. Sie helfen Dir und Deinem Arzt zu entscheiden, ob eine NAD+-Supplementierung überhaupt diskutiert werden sollte oder ob andere Maßnahmen, etwa eine Ernährungsumstellung zur Senkung des HOMA-IR, Vorrang haben sollten. Dieser datenbasierte Ansatz ist Kern der modernen Präventionsmedizin und Bestandteil einer fundierten Diagnostik des biologischen Alterns.

Der YEARS-Ansatz: Diagnostik vor Intervention

Bei YEARS folgen wir diesem Grundsatz konsequent. Kein Supplement wird empfohlen, bevor nicht eine vollständige medizinische Baseline erstellt wurde. Das YEARS Core® Programm ist genau dafür konzipiert. An einem einzigen Tag analysieren wir über 87 Biomarker, darunter alle oben genannten, kombiniert mit Funktionsdiagnostik wie 12-Kanal-EKG, Bodyplethysmographie und Messung der arteriellen Steifigkeit.

Das Ergebnis ist kein Laborzettel, sondern ein 60-seitiger, ärztlich eingeordneter Gesundheitsreport. Im anschließenden Strategiegespräch besprechen wir individuelle Risiken und entwickeln einen personalisierten Plan. Erst dann lässt sich die Frage nach gezielten Supplementen wie NAD+ sinnvoll einordnen, wenn überhaupt, als nachrangige und experimentelle Option innerhalb eines Gesamtkonzepts.

Fazit: NAD+ ist kein Wundermittel, aber ein legitimes Forschungsfeld mit viel Marketing-Hype

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit NAD+ und seinen Vorstufen gehört zu den interessanten Entwicklungen der Alterungsforschung. Die Vorstellung, den altersbezogenen Rückgang dieses zentralen Moleküls beeinflussen zu können, ist biologisch plausibel und wird durch erste Humanstudien teilweise auf Ebene von Blutmarkern und einzelnen Surrogatendpunkten gestützt.

Ein NAD+ Supplement ersetzt keine Bewegung, keine gesunde Ernährung, keinen guten Schlaf und keine saubere medizinische Diagnostik. Die Evidenz ist noch jung, die Studien sind klein, Langzeitdaten fehlen und harte Endpunkte sind nicht belegt. Aktuell ist die Einnahme von NMN oder NR als experimentelle Maßnahme zu betrachten, die für bestimmte Personengruppen plausibler sein könnte als für andere, aber nicht als allgemeine Longevity-Empfehlung.

Handle nicht blind. Bevor Du in ein teures Supplement investierst, investiere in Wissen über Deinen Körper. Nur wenn Du Deine individuellen Risiken und Deinen metabolischen Zustand kennst, kannst Du fundierte Entscheidungen treffen. Messen kommt vor Handeln.

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Die Entscheidung zur Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln sollte stets in Absprache mit einem Arzt erfolgen.

Quellen

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