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Hallmark 10 von 12

Veränderte interzelluläre Kommunikation

Die anderen Hallmarks beschreiben überwiegend, was in einer Zelle geschieht. Dieses hier beschreibt, was zwischen ihnen passiert. Hormone, Immunbotenstoffe, Nervensignale und Vesikel, die Zellen einander zuschicken, verändern sich mit dem Alter in erkennbaren Mustern. Dadurch bleibt Altern kein lokales Ereignis: Ein gestörtes Gewebe kann über den Blutweg auf entfernte Organe wirken.

Fachbegriff
Altered intercellular communication
Gruppe
Integrative Folgen
Hallmarks of Aging
Beschrieben 2013

Die Hallmarks of Aging sind ein Ordnungsrahmen der Forschung, keine Diagnostik. Sie beschreiben Prozesse, die beim Altern auftreten, beweisen aber keine Ursache und taugen nicht als Grundlage für medizinische Entscheidungen.

Was dahinter steckt

Die Kommunikation läuft über mehrere Kanäle. Endokrin über Hormone im Blut, parakrin über Botenstoffe an die direkte Nachbarschaft, neuronal über Nervenbahnen und mechanisch über die extrazelluläre Matrix, die im Alter steifer wird und damit selbst Signale verändert. Hinzu kommen extrazelluläre Vesikel, die Proteine und RNA zwischen Zellen transportieren.

Auf der Hormonebene sind mehrere Achsen betroffen. Die Wachstumshormonachse und damit IGF-1 flacht ab, ein Vorgang, der als Somatopause bezeichnet wird. Die Sexualhormone folgen unterschiedlichen Verläufen: Bei Frauen bricht die Östrogenproduktion in der Menopause innerhalb weniger Jahre ein, bei Männern sinkt Testosteron langsam und uneinheitlich. DHEA-S nimmt über Jahrzehnte kontinuierlich ab, die Schilddrüsenachse verschiebt sich moderat.

Auf der Immunebene entsteht ein dauerhaft leicht erhöhtes Grundrauschen an Entzündungssignalen, unter anderem gespeist durch seneszente Zellen, aus dem Darm übertretende bakterielle Bestandteile und ausgetretene mitochondriale DNA. Dieses Rauschen ist als eigenes Hallmark geführt und wirkt hier als Störsignal, das andere Botschaften überlagert.

Praktisch bedeutsam ist die Reichweite dieser Veränderungen. In Tiermodellen mit verbundenem Blutkreislauf beeinflusst das Blut eines alten Tieres die Regeneration und Kognition eines jungen. Das zeigt, dass ein Teil des Alterungsgeschehens über löslicher Faktoren im Kreislauf vermittelt wird und nicht in der Zelle festgelegt ist.

Wie belastbar ist die Evidenz

Moderate Evidenz

Der Mechanismus ist gut belegt, die Humandaten sind überwiegend beobachtend.

Dass sich Hormonspiegel mit dem Alter verändern, ist gut dokumentiert und unstrittig. Interessant und häufig missverstanden ist die Frage, was ein Ausgleich dieser Veränderungen bringt. Hier existieren tatsächlich randomisierte Studien, und ihre Ergebnisse sind differenziert.

Für die Hormontherapie in der Menopause hat sich die Bewertung über zwei Jahrzehnte verschoben. Die Women’s Health Initiative führte zunächst zu einem starken Rückgang der Verordnungen. Spätere Auswertungen nach Alter und Zeitpunkt des Beginns zeigten, dass Nutzen und Risiko stark davon abhängen, wie früh nach der Menopause begonnen wird. Für Frauen mit belastenden Symptomen in den Jahren nach der Menopause gilt die Therapie heute als vertretbar, während der Einsatz allein zur Vorbeugung von Alterserscheinungen nicht empfohlen wird.

Für Testosteron bei Männern mit niedrigen Werten und Symptomen liegen Studien vor, die Verbesserungen bei Sexualfunktion, Stimmung und Körperzusammensetzung zeigen. Eine große randomisierte Untersuchung zur kardiovaskulären Sicherheit bei Männern mit Hypogonadismus und erhöhtem Herzrisiko fand keine Zunahme schwerer kardiovaskulärer Ereignisse. Ein Nutzen für Lebensspanne oder Vorbeugung von Alterserscheinungen wurde damit nicht gezeigt.

Für Wachstumshormon bei gesunden älteren Menschen ist die Bilanz negativ. Eine systematische Übersicht fand geringe Veränderungen der Körperzusammensetzung bei deutlich erhöhter Rate an Nebenwirkungen wie Gelenkschmerzen, Ödemen und Insulinresistenz. Für DHEA-Supplementierung bei Gesunden fehlen überzeugende Nutzennachweise.

Befunde am Menschen

  • IGF-1, DHEA-S und Sexualhormone folgen mit dem Alter dokumentierten, aber unterschiedlich verlaufenden Kurven.
  • Nutzen und Risiko der Hormontherapie in der Menopause hängen stark vom Alter und vom Zeitpunkt des Beginns ab.
  • Eine große randomisierte Studie zu Testosteron bei Hypogonadismus und erhöhtem Herzrisiko fand keine Zunahme schwerer kardiovaskulärer Ereignisse.
  • Wachstumshormon bei gesunden Älteren verbesserte die Körperzusammensetzung nur gering, bei deutlich erhöhter Nebenwirkungsrate.
  • Die extrazelluläre Matrix wird im Alter steifer, was Gefäßsteifigkeit und Blutdruckverhalten mitbestimmt.

Was davon bei YEARS messbar ist

Teilweise über angrenzende Marker

Von allen zwölf Hallmarks ist dieses dasjenige, das die Routinediagnostik am breitesten abdeckt, weil Hormone und Immunbotenstoffe im Blut messbar sind. Wichtig ist die Deutung: Gemessen werden einzelne Signalgrößen, nicht die Qualität der Kommunikation.

Hormonstatus: TSH, Cortisol, DHEA-S, IGF-1, Sexualhormone

Diese Werte gehören zur endokrinologischen Basisdiagnostik und sind bei entsprechenden Beschwerden klinisch aussagekräftig. Die Referenzbereiche sind altersabhängig, und ein Wert im unteren Normbereich ist bei einem Menschen jenseits der sechzig kein Befund, der behandelt werden muss.

Entzündungsbotenstoffe: CRP hochsensitiv, Interleukin-6

Erfassen das entzündliche Grundrauschen, das andere Signale überlagert. CRP hochsensitiv ist als kardiovaskulärer Risikomarker etabliert. Beide Werte sind unspezifisch und schwanken erheblich, etwa nach Infekten oder intensiver körperlicher Belastung.

Homocystein und Omega-3-Index

Beide berühren die Signalumgebung, Homocystein über die Methylierungskapazität, der Omega-3-Index über die Zusammensetzung der Zellmembranen und die daraus gebildeten Botenstoffe. Der Zusammenhang zu klinischen Endpunkten ist für Homocystein-Senkung durch Vitamine schwächer, als lange angenommen wurde.

Einordnung

Ein altersbedingt sinkender Hormonwert ist keine Behandlungsindikation für sich. Anti-Aging-Programme, die Wachstumshormon, Testosteron oder DHEA bei Beschwerdefreiheit einsetzen, um Werte auf ein jugendliches Niveau zu bringen, sind nicht durch Endpunktdaten gedeckt. Für Wachstumshormon bei gesunden Älteren ist die Nutzen-Risiko-Bilanz in der vorliegenden Evidenz negativ.

Grenzen dieses Hallmarks

Die Kategorie ist außergewöhnlich weit gefasst. Sie enthält Hormone, Immunbotenstoffe, Nervensignale, mechanische Eigenschaften der Matrix und Vesikeltransport. Eine solche Sammelkategorie lässt sich kaum widerlegen, und genau das ist ein methodisches Problem: Fast jeder Alterungsbefund lässt sich irgendwie als veränderte Kommunikation einordnen. Für die praktische Anwendung ist sie deshalb weniger scharf als die anderen Hallmarks.

Der Schluss von einem veränderten Signal auf eine sinnvolle Korrektur ist der häufigste Fehler in diesem Feld. Dass IGF-1 mit dem Alter sinkt, heißt nicht, dass Anheben nützt; niedriges IGF-1 ist in manchen Kohorten mit niedrigerem Krebsrisiko verbunden. Dass Testosteron sinkt, heißt nicht, dass Substitution bei Beschwerdefreiheit nützt. Die Veränderung könnte auch eine Anpassung sein.

Bei der Übertragung aus Parabiose-Experimenten ist besondere Zurückhaltung angebracht. Zwei Tiere mit chirurgisch verbundenem Kreislauf teilen nicht nur Blut, sondern auch Organfunktion. Aus diesen Versuchen lässt sich keine Begründung für Plasmagaben oder Bluttransfusionen zur Verjüngung beim Menschen ableiten, und entsprechende Angebote bewegen sich außerhalb kontrollierter Evidenz.

Häufige Fragen

Was ist mit veränderter interzellulärer Kommunikation gemeint?→

Gemeint ist, dass sich die Signale zwischen Zellen mit dem Alter systematisch verschieben. Diese Signale laufen über mehrere Kanäle: Hormone im Blut, Botenstoffe an die direkte Nachbarschaft, Nervenbahnen, die extrazelluläre Matrix, die im Alter steifer wird, sowie Vesikel, die Proteine und RNA transportieren. Typische Veränderungen sind das Abflachen der Wachstumshormonachse, der Rückgang von DHEA-S und Sexualhormonen und ein dauerhaft leicht erhöhtes entzündliches Grundrauschen. Die Bedeutung dieses Hallmarks liegt in seiner Reichweite: Ein gestörtes Gewebe kann über den Blutweg auf weit entfernte Organe wirken. Altern bleibt dadurch kein rein lokales Geschehen.

Sollte man sinkende Hormonwerte im Alter ausgleichen?→

Nicht allein deshalb, weil sie sinken. Entscheidend ist, ob Beschwerden vorliegen und ob für die konkrete Situation Studiendaten existieren. Bei belastenden Wechseljahresbeschwerden in den Jahren nach der Menopause gilt eine Hormontherapie heute als vertretbar, wobei Nutzen und Risiko stark vom Alter und vom Zeitpunkt des Beginns abhängen. Bei Männern mit niedrigem Testosteron und passenden Symptomen kann eine Substitution Sexualfunktion, Stimmung und Körperzusammensetzung verbessern. Für den Einsatz bei Beschwerdefreiheit, allein um Werte auf ein jugendliches Niveau zu bringen, gibt es keine tragfähige Grundlage. Für Wachstumshormon bei gesunden Älteren fällt die Nutzen-Risiko-Bilanz in den vorliegenden Übersichten negativ aus.

Was ist von Plasmatausch oder jungem Blut zu halten?→

Die Idee stammt aus Parabiose-Versuchen, bei denen der Blutkreislauf eines alten und eines jungen Tieres chirurgisch verbunden wird. Dort verbesserte sich die Regeneration alter Muskeln, und junge Tiere im alten Kreislauf zeigten schlechtere Neurogenese. Diese Versuche haben die Forschung sinnvoll vorangebracht, taugen aber nicht als Begründung für Anwendungen am Menschen. Zwei Tiere mit verbundenem Kreislauf teilen nicht nur Blut, sondern auch Organfunktion, unter anderem Leber und Nieren. Kontrollierte Studien mit klinischen Endpunkten zu Plasmagaben oder Transfusionen zur Verjüngung liegen nicht vor. Angebote dieser Art bewegen sich außerhalb belegter Medizin und sind mit den üblichen Transfusionsrisiken verbunden.

Warum gilt dieses Hallmark als weniger scharf als die anderen?→

Weil es sehr viel Unterschiedliches zusammenfasst. Unter interzellulärer Kommunikation stehen Hormone, Immunbotenstoffe, Nervensignale, die mechanischen Eigenschaften des Bindegewebes und der Vesikeltransport zwischen Zellen. Eine so weit gefasste Kategorie ist kaum widerlegbar, denn fast jeder Alterungsbefund lässt sich irgendwie als veränderte Kommunikation deuten. Genau darin liegt die methodische Schwäche: Eine Beschreibung, die alles aufnehmen kann, erklärt wenig. Für die Praxis bleibt sie dennoch nützlich, weil sie daran erinnert, dass Altern nicht nur in Zellen, sondern auch zwischen ihnen stattfindet und über den Blutweg entfernte Organe erreicht.

Quellen

  • López-Otín C, Blasco MA, Partridge L, Serrano M, Kroemer G. Hallmarks of aging: An expanding universe. Cell. 2023;186(2):243–278.
  • Villeda SA, Luo J, Mosher KI, et al. The ageing systemic milieu negatively regulates neurogenesis and cognitive function. Nature. 2011;477(7362):90–94.
  • Manson JE, Chlebowski RT, Stefanick ML, et al. Menopausal hormone therapy and health outcomes during the intervention and extended poststopping phases of the Women’s Health Initiative randomized trials. JAMA. 2013;310(13):1353–1368.
  • Lincoff AM, Bhasin S, Flevaris P, et al. Cardiovascular safety of testosterone-replacement therapy. New England Journal of Medicine. 2023;389(2):107–117.
  • Liu H, Bravata DM, Olkin I, et al. Systematic review: the safety and efficacy of growth hormone in the healthy elderly. Annals of Internal Medicine. 2007;146(2):104–115.