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Hallmark 8 von 12

Zelluläre Seneszenz

Eine seneszente Zelle hat sich entschieden, sich nie wieder zu teilen, bleibt aber stoffwechselaktiv. In der Populärdarstellung heißen sie Zombiezellen, was das Störende betont und das Nützliche unterschlägt. Seneszenz ist zugleich ein Schutzmechanismus gegen Krebs und eine Voraussetzung für Wundheilung. Problematisch wird sie erst, wenn sich solche Zellen ansammeln.

Fachbegriff
Cellular senescence
Gruppe
Antagonistische Antworten
Hallmarks of Aging
Beschrieben 2013

Die Hallmarks of Aging sind ein Ordnungsrahmen der Forschung, keine Diagnostik. Sie beschreiben Prozesse, die beim Altern auftreten, beweisen aber keine Ursache und taugen nicht als Grundlage für medizinische Entscheidungen.

Was dahinter steckt

Seneszenz ist eine Stressantwort. Auslöser sind kritisch kurze Telomere, nicht reparierbare DNA-Schäden, die Aktivierung von Onkogenen oder anhaltender Stoffwechselstress. Die Zelle aktiviert daraufhin dauerhaft Bremsen des Zellzyklus, vor allem über die Proteine p16 und p21, und blockiert damit jede weitere Teilung.

Das Entscheidende folgt danach. Seneszente Zellen schütten ein charakteristisches Gemisch aus entzündungsfördernden Botenstoffen, Wachstumsfaktoren und gewebeabbauenden Enzymen aus. Dieses Sekretionsprofil heißt senescence-associated secretory phenotype, kurz SASP. Über den SASP wirkt eine einzelne Zelle weit über sich hinaus: Sie lockt Immunzellen an, verändert die Gewebestruktur und kann Nachbarzellen ebenfalls in die Seneszenz treiben.

Der biologische Sinn ist zunächst schützend. Eine Zelle mit gefährlichen Mutationen wird stillgelegt, statt sich weiter zu vermehren. Der SASP ruft das Immunsystem, das die betroffene Zelle abräumt. Bei der Wundheilung und in der Embryonalentwicklung erfüllt Seneszenz ebenfalls geordnete Aufgaben.

Mit dem Alter kippt die Bilanz aus zwei Gründen. Es entstehen mehr seneszente Zellen, und das alternde Immunsystem räumt sie schlechter ab. Die verbleibenden Zellen halten über ihren SASP eine niedriggradige Entzündung aufrecht, was dieses Hallmark eng mit der chronischen Entzündung verbindet.

Wie belastbar ist die Evidenz

Moderate Evidenz

Der Mechanismus ist gut belegt, die Humandaten sind überwiegend beobachtend.

Die Tiermodelle sind bemerkenswert deutlich. In gentechnisch veränderten Mäusen, bei denen sich p16-positive Zellen gezielt entfernen lassen, verzögerte die Beseitigung dieser Zellen den Beginn mehrerer Alterserscheinungen und verlängerte in einer Untersuchung die mediane Lebensspanne. In anderen Arbeiten verbesserten senolytische Wirkstoffe die körperliche Funktion alter Mäuse, und die Übertragung seneszenter Zellen in junge Tiere führte umgekehrt zu funktionellen Einbußen.

Beim Menschen steht die Forschung deutlich weiter zurück. Es existieren erste kleine Studien. Bei idiopathischer Lungenfibrose verbesserte eine Kombination aus Dasatinib und Quercetin in einer offenen Pilotstudie ohne Kontrollgruppe einzelne Funktionsmaße. Bei diabetischer Nierenerkrankung reduzierte dieselbe Kombination in einer kleinen Untersuchung Marker für seneszente Zellen im Fettgewebe. Beide Studien umfassten weniger als zwanzig Personen und waren nicht darauf angelegt, klinischen Nutzen zu belegen.

Ein zweiter Zugang beim Menschen ist beobachtend. Der Anteil p16-positiver Zellen in Gewebeproben steigt mit dem Alter, und höhere Werte gehen mit Gebrechlichkeit einher. Solche Daten stammen aus Biopsien und sind für die Vorsorge nicht verfügbar.

Befunde am Menschen

  • Der Anteil p16-positiver Zellen in Gewebeproben steigt mit dem Alter und ist mit Gebrechlichkeit assoziiert.
  • In einer offenen Pilotstudie ohne Kontrollgruppe verbesserte Dasatinib plus Quercetin bei Lungenfibrose einzelne Funktionsmaße.
  • Bei diabetischer Nierenerkrankung senkte dieselbe Kombination in einer kleinen Studie Seneszenzmarker im Fettgewebe.
  • Beide Humanstudien umfassten weniger als zwanzig Personen und waren nicht auf klinischen Nutzen ausgelegt.
  • Es existiert kein validierter Bluttest, der die Seneszenzlast im Körper bestimmt.

Was davon bei YEARS messbar ist

Nicht messbar in der Vorsorge

Die Seneszenzlast eines Menschen lässt sich derzeit nicht bestimmen. Der etablierte Nachweis läuft über p16 oder Seneszenz-assoziierte Beta-Galaktosidase in Gewebeproben, also über eine Biopsie. Für Blut gibt es keinen validierten Test. YEARS misst in diesem Zusammenhang nichts, was Seneszenz abbildet.

Entzündungsmarker als sehr entfernter Bezug

CRP hochsensitiv und Interleukin-6 erfassen niedriggradige Entzündung, zu der seneszente Zellen über ihren SASP beitragen können. Der Anteil ist unbekannt: Beide Werte steigen ebenso bei Infekten, Übergewicht, Autoimmunerkrankungen und nach intensiver körperlicher Belastung. Ein Rückschluss auf Seneszenz ist daraus nicht möglich.

Einordnung

Wenn ein Anbieter Dir eine Seneszenzlast oder einen Zombiezellen-Score aus dem Blut berechnet, ist das nicht validiert. Ebenso wenig ist eine senolytische Behandlung bei gesunden Menschen begründet. Die verfügbaren Humandaten stammen aus Pilotstudien mit weniger als zwanzig Teilnehmenden und wurden bei bestehenden Erkrankungen erhoben.

Grenzen dieses Hallmarks

Seneszenz ist kein einheitlicher Zustand. Je nach Auslöser, Zelltyp und Dauer unterscheiden sich seneszente Zellen erheblich, auch in ihrem SASP. Es gibt keinen einzelnen Marker, der alle seneszenten Zellen erfasst und gesunde Zellen ausschließt. Diese Heterogenität ist der Hauptgrund, warum ein Bluttest bisher fehlt, und sie erschwert auch die Entwicklung gezielter Wirkstoffe.

Der Schutzcharakter darf nicht verloren gehen. Seneszenz verhindert, dass geschädigte Zellen zu Tumoren auswachsen, und sie wird für geordnete Wundheilung gebraucht. Eine breit angelegte Entfernung seneszenter Zellen könnte diese Funktionen beeinträchtigen. In Tierversuchen wurden je nach Modell auch verzögerte Wundheilung und Leberprobleme beobachtet.

Der Abstand zwischen Maus und Mensch ist hier besonders groß. Die eindrucksvollen Ergebnisse stammen aus gentechnisch veränderten Tieren, in denen sich eine definierte Zellpopulation auf Knopfdruck entfernen lässt. Ein solcher Eingriff hat mit einer Tablette beim Menschen wenig gemein. Die vorliegenden Humanstudien sind zu klein und zu kurz, um Nutzen oder Risiko einzuschätzen.

Häufige Fragen

Was sind Zombiezellen?→

Zombiezellen ist die populäre Bezeichnung für seneszente Zellen. Sie haben ihre Teilungsfähigkeit dauerhaft eingestellt, sterben aber nicht ab und bleiben stoffwechselaktiv. Ausgelöst wird dieser Zustand durch kritisch kurze Telomere, nicht reparierbare DNA-Schäden, aktivierte Onkogene oder anhaltenden Stoffwechselstress. Bedeutsam sind diese Zellen weniger durch ihre eigene Untätigkeit als durch das, was sie ausschütten: ein Gemisch aus entzündungsfördernden Botenstoffen und gewebeabbauenden Enzymen, der sogenannte SASP. Damit verändern sie ihre Umgebung und können Nachbarzellen ebenfalls in die Seneszenz treiben. Der Begriff Zombiezelle betont das Störende und unterschlägt, dass Seneszenz auch vor Krebs schützt.

Sind seneszente Zellen nur schädlich?→

Nein, und das ist der wichtigste Punkt für eine nüchterne Einordnung. Seneszenz ist ein Schutzmechanismus: Eine Zelle mit gefährlichen Mutationen wird stillgelegt, statt sich weiter zu teilen, was die Entstehung von Tumoren bremst. Auch bei der Wundheilung und in der Embryonalentwicklung erfüllt sie geordnete Aufgaben, und ihr Sekretionsprofil ruft das Immunsystem herbei, das die Zelle abräumt. Zum Problem wird Seneszenz erst durch Ansammlung. Im Alter entstehen mehr solcher Zellen, und das Immunsystem entfernt sie schlechter. Eine pauschale Beseitigung wäre deshalb kein reiner Gewinn, sondern ein Eingriff in ein System mit Doppelfunktion.

Wie weit sind Senolytika beim Menschen?→

Am Anfang. Senolytika sind Wirkstoffe, die seneszente Zellen gezielt in den Zelltod treiben sollen. In Mäusen sind die Ergebnisse eindrucksvoll: Die Entfernung dieser Zellen verzögerte mehrere Alterserscheinungen und verlängerte in einer Untersuchung die mediane Lebensspanne. Beim Menschen liegen bislang nur kleine Studien vor. Eine Kombination aus Dasatinib und Quercetin verbesserte bei idiopathischer Lungenfibrose in einer offenen Pilotstudie ohne Kontrollgruppe einzelne Funktionsmaße, und bei diabetischer Nierenerkrankung senkte sie Seneszenzmarker im Fettgewebe. Beide Untersuchungen umfassten weniger als zwanzig Personen. Für gesunde Menschen gibt es keinerlei Nutzennachweis, und Dasatinib ist ein Krebsmedikament mit relevantem Nebenwirkungsprofil.

Kann man seine Seneszenzlast messen lassen?→

Nicht zuverlässig. Der etablierte Nachweis erfolgt in Gewebeproben, über den Anteil p16-positiver Zellen oder über die Seneszenz-assoziierte Beta-Galaktosidase. Das setzt eine Biopsie voraus und ist Forschungsmethodik. Ein validierter Bluttest existiert nicht, und zwar aus einem inhaltlichen Grund: Seneszente Zellen sind untereinander sehr verschieden, je nach Auslöser, Gewebe und Dauer. Es gibt keinen einzelnen Marker, der alle erfasst und gesunde Zellen zuverlässig ausschließt. Entzündungswerte wie CRP oder Interleukin-6 stehen in entferntem Zusammenhang, weil seneszente Zellen zur niedriggradigen Entzündung beitragen können, sind aber viel zu unspezifisch für eine Aussage.

Quellen

  • Baker DJ, Childs BG, Durik M, et al. Naturally occurring p16Ink4a-positive cells shorten healthy lifespan. Nature. 2016;530(7589):184–189.
  • Xu M, Pirtskhalava T, Farr JN, et al. Senolytics improve physical function and increase lifespan in old age. Nature Medicine. 2018;24(8):1246–1256.
  • Justice JN, Nambiar AM, Tchkonia T, et al. Senolytics in idiopathic pulmonary fibrosis: results from a first-in-human, open-label, pilot study. EBioMedicine. 2019;40:554–563.
  • Hickson LJ, Langhi Prata LGP, Bobart SA, et al. Senolytics decrease senescent cells in humans: preliminary report from a clinical trial of dasatinib plus quercetin in individuals with diabetic kidney disease. EBioMedicine. 2019;47:446–456.
  • Gorgoulis V, Adams PD, Alimonti A, et al. Cellular senescence: defining a path forward. Cell. 2019;179(4):813–827.